Siegfried Schreck Lyrik
Zurück in die Versteinerung
Seit deinem Abschied
brennt die Kerzenstimme
unentwegt im Fenster.
Gewissheit gab
der Flamme Nahrung,
dass du eines Tages kommst
und an die schwere
Steintür pochst.
Die alte Frau,
erkennst du sie?
Erzähle ihr dein Leben,
während sie die
Kerze löscht,
die deinen Namen rief.
Das ist dein Zurück,
leg ab dein Fleisch
wie einen Mantel
und sei willkommen,
du bist kein Fremder.
Deine Mutter,
der runzlige graue Stein,
hat dich wieder.
1987
Siegfried Schreck
Über die gemeinsame Sache
Das macht es aus:
Die enger werdenden Kreise,
der schwindende Spielraum.
Als Übung für den Anfang:
Mit einer Stimme reden,
dann die Gleichheit der
Gedanken proben,
das Verständigen
durch Blicke
und später der
völlige Verzicht
auf Sprache,
das Hinarbeiten
auf ein Ziel,
die lange Strecke
durch den Tunnel,
am Ende Licht.
Gemeinsam für die
eine Sache,
das allmähliche Zusammenwachsen,
Knoten,
den man nicht mehr löst.
1987
Siegfried Schreck
In uns das Meer
Freund,
Warum gehen wir nicht
ein Stück abseits
der festen Wege,
warum lassen wir
nicht Haut und Knochen
und andere Enttäuschungen
weit hinter uns?
Weil längst erloschen ist,
was einst in unseren
Augen geleuchtet hat,
weil Träume geplatzt
und verkrustet sind,
weil unsere Wurzeln
anfangen zu faulen
und weil aus uns wurde,
was wir sind:
Mäuse in der eigenen Falle.
Vielleicht ist in uns das Meer
und wir wissen es nicht,
wir werden sehen,
spätestens,
wenn die vor uns die
Berge abgetragen haben,
hören wir es rauschen.
26.9.2002
Siegfried Schreck
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Siegfried Schreck
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Hintergrundbild colours of harmony , abgedunkelt, copyright S.Schreck
Lass uns nicht von Liebe reden
Von mir aus braucht es nicht zu tagen,
ich wünschte mir, es bliebe Nacht,
lass mich bis morgen früh um acht
an deinen feuchten Lippen nagen,
ich werde Eva zu dir sagen.
Geniessen wir den Garten Eden,
gib dich mir hin und schliess
deine Augen wie Fensterläden,
wir sind nur kurz im Paradies.
Lass uns nicht von Liebe reden.
1987
Siegfried Schreck
Das vergessene Licht
Im Meer versunken,
gegen Mittag um zwei,
rasch war wie schweres Blei
das Licht ertrunken.
Um es zu retten,
fuhren Schiffe hinaus,
und warfen Netze aus,
rasselten Ketten.
Und hatten kein Glück,
nicht ein einziges Boot,
und kamen zurück,
von Stürmen bedroht.
Bis morgens um acht
hofften Sie noch auf´s Licht,
der Tag kam als Nacht,
das verstanden sie nicht.
Der Mond schien ins Glas.
Noch ein Finsternistrank,
und schließlich vergass
man den Lichtuntergang.
1987
Siegfried Schreck
Bring Liebe mit
Der Trommler am Fenster,
Herbstmusikant,
Tänzer von einem Bein
auf das andere
und du noch weit
wie der warme Wind
von den Inseln.
Ich habe bereits
unsere Farben angemischt,
mein Herz auf ein schnelles Pferd gesetzt,
die Einsamkeit im Schrank versteckt
jetzt warte ich auf das
Öffnen der Tür von aussen,
auf dich,
die nie mit leeren Händen
zu mir kommt.
Bring Liebe mit.
2001
Siegfried Schreck
Der gefrässige Herr Anton
Unser Herr Anton wird nicht satt,
mit jeder Stunde mehr
steigt sein Appetit
in´s Unermessliche.
Die Butter vom Brot,
den ganzen Laib dazu
und auch die Hand,
die ihn schnitt,
er hat sich alles genommen,
es fehlen neuerdings
auch einige Namen
aus unserer Mitte,
es entstehen Löcher
in unseren Dächern,
Häuser verschwinden spurlos
und Strassen werden verschluckt.
Uns entgegenkommend
der gefrässige Herr Anton,
freundlich grüssend,
erzählend von Städten,
die es einmal gab,
vom Geschmack grüner Wiesen,
Bergen und Tälern.
Er wandert weiter,
mit uns in seinem Bauch,
niemand erklärt uns
die Unverständlichkeit
dieser Geschichte,
wer schreibt sie für uns auf?
4.10.2001
Siegfried Schreck