MUSE UND MODELL – FRAUEN IN BILDERN DER HAMBURGISCHEN SEZESSION
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

 

 

MUSE UND MODELL – FRAUEN IN BILDERN DER HAMBURGISCHEN SEZESSION


20. Oktober 2006 bis 14. Januar 2007

Bedeutende Werke aus der Sammlung der Hamburger Sparkasse zur Hamburgischen Sezession widmen sich der Darstellung der Frau und werfen eine große Spannweite stilistischer Möglichkeiten innerhalb dieses Sujets auf. Über 50 Gemälde und Arbeiten auf Papier von Emil und Dorothea Maetzel-Johannsen, Arnold Fiedler, Karl Kluth, Fritz Kronenberg oder Gretchen Wohlwill spiegeln die Vielfalt, in der die Künstler mit klassischen, seit der Antike gewachsenen Idealen von Schönheit und Ästhetik brechen und die Frau in ihren vielfältigen Lebenswelten zwischen Mütterlichkeit, Muse, Modell und erotischer Kokotte zeigen.

Der Bruch mit bürgerlichen Konventionen und ein neu gewachsenes Interesse am menschlichen Körper führte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts dazu, dass das klassische Motiv des weiblichen Körpers auch unter den Sezessionisten in den Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens rückte. Speziell der weibliche Körper bietet sich dem Künstler als Projektionsfläche und führte unter den Sezessionisten zu neuen künstlerischen Lösungen. Beginnend mit einem Aktbildnis Franz Nölkens von 1914 bis hin zu Karl Kluths Stilleben mit Modellpuppe aus den fünfziger Jahren, fangen die Werke Momente flüchtiger Erotik und Sinnlichkeit oder präziser Wiedergabe von Wesensmerkmalen der dem voyeuristischen Blick ausgesetzten Frau auf. Avantgardistische Tendenzen in sich vereinigend, zeigen die Exponate ein sich ständig erneuerndes Begreifen dessen, was ein weiblicher Körper ist. Scheinbare Unvollendetheit, Reduzierungen und Verfremdungen des menschlichen Körpers wenden sich gegen tradierte Konventionen von Darstellung und Wahrnehmung des Frauenbildes und zeigen die Frau zunehmend in ihren Freiheiten, die sie im Laufe des 20. Jahrhunderts erringen wird.

Die Ausstellung stellt die immer noch aktuelle Frage vom Verhältnis zwischen Bild und Natur, von äußerlicher Modellierung und realer Existenz des Menschen in der Kunst, von Echtheit und Täuschung, von Körperhüllen und seelischem Innenleben, nach Vorstellungen von Weiblichkeit. Verinnerlicht, in sich ruhend oder mit sich selbst beschäftigt entziehen sich die Dargestellten dem Blick des Betrachters und behaupten auf diese Weise ihre eigene Freiheit; in anderen Bildern nehmen sie aber auch Kontakt mit dem Gegenüber auf.

Wer schützt das Modell vor dem Künstler, fragte erst die moderne Kunstwissenschaft und leitete damit eine Diskussionen ein, welche die durch die Geschichte gefestigte Beziehung vom Künstler und dem zu malenden Objekt in neuem Licht sah und machte auf das Vorhandensein von männlichen Aneignungsstrategien und Wünschen von Verfügbarkeit in der Kunst aufmerksam. Betrachtungsweisen, die den Künstler als Schöpfer von Natur und Schönheit hinstellten, wie in einem Stich Albrecht Dürers verbildlicht - der am Zeichentisch sitzende Künstler sucht die weiblichen Rundungen seines Modells durch ein Zeichengitter in einen Rahmen zu pressen - wurden damit neu hinterfragt.

Die seit der klassischen Avantgarde zunehmende Einmischung von Künstlerinnen in das so etablierte Terrain, verwischte die Grenzen vom kreativen Schöpfertum und inspirierender Muse und machte den Weg frei für eine bis jetzt andauernde Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper und dessen Einbeziehung in der Kunst.

Die Ausstellung wird durch Leihgaben aus privatem und öffentlichem Besitz ergänzt.

Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr, Donnerstag 10 – 21 Uhr, 1. und 2. Weihnachtstag 10 – 18 Uhr
Silvester und Neujahr 12 – 18 Uhr, Heilig Abend geschlossen

Museums-Eintritt: 8 € / 5 €, dienstags ab 16 Uhr und donnerstags ab 17 Uhr immer 5 €
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre frei

 

Die Hamburgische Sezession

„Der Künstler, der schaffen soll, kann nur in einer bestimmten Atmosphäre gedeihen. Es ist ihm Lebensnotwendigkeit, um sich ein Milieu zu haben, in dem er geistige Reibung, Verständnis und damit Unterstützung zum mindesten bei Gleichgesinnten findet. In Paris, München, Berlin findet der Künstler diese Atmosphäre. In Hamburg vermisst er sie. Aus dieser Erkenntnis heraus schlossen sich junge Hamburger Künstler zu einer Gemeinschaft zusammen, die ihnen ein solches Milieu schaffen soll.“

(Katalog zur 1. Ausstellung der Hamburgischen Sezession, Hamburg 1919, o. S.)

Die Hamburgische Sezession war eine Vereinigung von Künstlern, die sich 1919 mit dem Ziel zusammenschlossen, nach den Ereignissen des 1. Weltkrieges in der Hansestadt einen neuen künstlerischen Boden zu schaffen und zeitgenössische Kunst unabhängig von etablierten Kunstrichtungen ausstellen zu können. Der künstlerische Austausch untereinander sollte dabei im Mittelpunkt stehen, und die Gruppe, die sich als Elite für moderne Kunst in Hamburg begriff, machte die Qualität und nicht den Stil der Arbeiten zum Auswahlkriterium für ihre gemeinsamen Ausstellungen.

Künstlerische Vorbilder waren die französische Avantgarde mit Cézanne und Matisse sowie die expressionistische Kunst der Brücke mit Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff gewesen. Aber auch Einflüsse nordischen Mystizismus durch Emil Nolde oder Edvard Munch hinterließen in den Arbeiten der Sezessionisten ihre Spuren und markieren den Aufbruch in die Moderne. Ein gemeinsamer Sezessionsstil setzte sich erst zu Beginn der dreißiger Jahre durch. Über ein Jahrzehnt lang, bestimmte die Hamburgische Sezession maßgeblich das Kulturleben der Stadt. Seit 1927 veranstaltete die Künstlergruppe ihre eigenen Künstlerfeste.

Ein herber Einschnitt brach 1933 unter der Naziherrschaft über die Sezession herein. Um den Ausschluss ihrer jüdischen Mitglieder zu verhindern, löste sich die Gruppe im März 1933 unter dem Druck der Nazis auf, kurz nachdem ihre 12. Ausstellung durch den Polizeipräsidenten geschlossen worden war. Im Vorwort des Ausstellungskataloges hatten die Sezessionisten angekündigt, noch im gleichen Jahr eine Ausstellung folgen zu lassen, die der Grafik und dem Aquarell gewidmet sein sollte. Zu dieser Ausstellung ist es nicht mehr gekommen. Auch der Direktor des Museum für Kunst und Gewerbe, Max Sauerlandt, der seit seinem Amtsantritt im Jahr 1919 als Förderer der zeitgenössischen Kunst galt, wurde 1933 seines Amtes enthoben.

Die Kunst der Hamburgischen Sezessionisten fiel als ‚entartet’ der allgemeinen Säuberung zum Opfer. Eher banale Sujets in ihren Bildwerken aus den späten dreißiger Jahren täuschen über das drohende Unheil des 2. Weltkrieges hinweg, nur in manchen Gemälden deuten sich durch eine melancholisch düstere Farbstimmung die existentiellen Veränderungen der Zeit an. Einige Künstler, darunter Karl Ballmer, Eduard Bargheer, Kurt Löwengard, Rolf Nesch oder Gretchen Wohlwill emigrierten in den folgenden Jahren. 1945 fand ein Teil der Gruppe wieder zusammen; sie konnte aber nicht mehr an ihre frühere Bedeutung anschließen, waren doch entscheidende Protagonisten wie Alma del Banco, Kurt Löwengard, Dorothea Maetzel und Anita Rée inzwischen nicht mehr am Leben.

Über 400 Werke dieser Künstler aus der Sammlung der Hamburger Sparkasse befinden sich seit Frühjahr 2003 als Dauerleihgabe im Museum für Kunst und Gewerbe und werden in einzelnen Präsentationen der Öffentlichkeit vorgestellt.

Dr. Annette Baumann

 

Anita Rée
Mädchenbildnis
vor 1922
Öl auf Pappe

 

Die Hamburgische Sezession 1919-1933
Friederike Weimar
Atelier im Bauernhaus 2003 Gebundene Ausgabe



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Karl Kluth
Eingeschlafene Nutte,
Sammlung Hamburger Sparkasse, Dauerleihgabe im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

 

Gretchen Wohlwill
Die Anprobe, um 1933
Öl auf Leinwand
Sammlung Hamburger Sparkasse, Dauerleihgabe im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Karl Kluth
Sitzender weiblicher Akt (Hanna Kluth), 1930
Öl auf Leinwand
100 x 80 cm

Arnold Fiedler
Nana
1933
Farbholzschnitt auf Japanpapier
52x40

Karl Kluth
Roter Akt am Meer, 1928
Öl auf Leinwand
80 x 100 cm

Fritz Kronenberg
Ana (liegender Akt)
1930
Öl auf Leinwand


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