Haus der Kunst München
Amrita Sher-Gil
Eine indische Künstlerfamilie im 20. Jahrhundert

 

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Amrita Sher-Gil
Eine indische Künstlerfamilie im 20. Jahrhundert
Oktober 2006 - Januar 2007
 

 
"Daughter of an Indian father and an European mother, irrepressibly sensual yet often oddly detached, her artistic life divided between Paris and Punjab, the contradictory forces in Amrita Sher-Gil's nature and background came triumphantly together in her art,
if not in her life. A founder of Indian modernism, it is time that her genius is recognized beyond the country's borders." Sudhir Kakar

Die Ausstellung wird im Herbst 2006 zeitgleich zur Frankfurter Buchmesse mit dem Thema Indien gezeigt. Sie stellt Leben und Werk der indisch-ungarischen Künstlerin vor.

Amrita Sher-Gil praktizierte und thematisierte freie Sexualität, jonglierte mit unterschiedlichen kulturellen Einflüssen, spielte im durchweg männlich dominierten Kunstmarkt eine ungewöhnlich starke Rolle, und nicht zuletzt hat in ihrem Werk das Selbstporträt eine wichtige, ans Obsessive grenzende Bedeutung; sie ist insofern mit Frida Kahlo vergleichbar.

Amrita Sher-Gil wurde 1913 in Budapest geboren und wuchs in einer kunstinteressierten Familie von Kosmopoliten auf. Ihr Vater Umrao Singh Sher-Gil stammte aus einer Aristokraten-Familie im nordindischen Punjab, ihre Mutter Marie Antoinette Gottesmann war Ungarin mit großbürgerlichem Hintergrund. Die ersten neun Jahre ihres Lebens verbrachte Amrita Sher-Gil in Budapest, die folgenden acht Jahre auf den Besitzungen der väterlichen Familie in Nordindien.

Aufgrund ihres außergewöhnlichen Talents begann Amrita 1929, erst sechzehnjährig, ein Kunststudium an der École des Beaux Arts in Paris. Sie setzte sich intensiv mit der europäischen Kunstgeschichte auseinander, und ihre Arbeiten standen zunächst unter dem Einfluss des Realismus und vor allem von Paul Gauguin. In den Pariser Salons war sie ein gern gesehener Gast.

Ihre Rückkehr nach Indien 1934 war durch ihre Sehnsucht nach dem indischen Teil ihrer Herkunft motiviert und wurde zu einer Entdeckungsreise, die zu einer vollständigen formalen und inhaltlichen Neuorientierung ihrer bisherigen künstlerischen Haltung führte: Amrita Sher-Gil beschäftigte sich mit der frühen buddhistischen Felsenmalerei von Ajanta, den südindischen Fresken von Mattancheri sowie der mittelalterlichen Miniaturmalerei der Moghulen und Rajputen Nordindiens; sie stand außerdem mit dem Kunsthistoriker Karl Khandalavala im gedanklichen Austausch über indische Kunst.

Ihre erste Ausstellung hatte sie 1936 in Bombay; seitdem wurde ihre Kunst auf dem indischen Subkontinent zunehmend anerkannt und bewundert. Doch durch ihren frühen und tragischen Tod in Lahore – sie war noch nicht einmal 29 Jahre alt – fand die viel versprechende Entwicklung ein jähes Ende.

In ihrem kurzen Leben versuchte Amrita Sher-Gil, "alles auf einmal zu überwinden: die Entfremdungen auf Grund ihrer Klassenzugehörigkeit, ihrer indo-europäischen Herkunft und ihres Geschlechts", so Indiens führende Kunsthistorikerin Geeta Kapur. Ihr Werk, ihr emanzipatorischer Gestus und ihre unvergleichliche Fähigkeit zur piktoralen Zusammenführung unterschiedlicher kultureller Traditionen ist heute noch Inspiration und Vorbild für zeitgenössische indische Künstlerinnen und Künstler.

Die Ausstellung vereint die Gemälde von Amrita Sher-Gil mit der Kunst von zwei weiteren Familienmitgliedern aus unterschiedlichen Generationen: Die strahlende Erscheinung von Amrita Sher-Gil wurde in Hunderten von Fotografien festgehalten, die ihr Vater, Umrao Singh (1870-1954), aufgenommen hat. Umrao Singh war anti-britischer Nationalist, Philosoph, Literat und ein talentierter Fotograf, den Stuart Hall und Mark Sealy in ihrer Veröffentlichung "Different" (Phaidon 2001) erstmals gewürdigt haben. Seine Fotografien wiederum wurden von Vivan Sundaram (geb. 1943), Enkel von Umrao Singh und gleichzeitig Neffe von Amrita Sher-Gil, wiederverwendet. 1984 schuf Vivan Sundaram sein großformatiges Gemälde "The Sher-Gil Family", 1995 realisierte er die Installation "The Sher-Gil Archive". In "Re-take of Amrita" (2001/2002) konfrontiert er die Porträts von Amrita Sher-Gil mit den unzähligen Selbstporträts, die Umrao Singh von sich gemacht hat: In diesen digital bearbeiteten Fotografien verbinden sich die Handlungsstränge zu einer neuen, eigenen Erzählung über die Reflexivität von weiblichem und männlichem Narzissmus.

Wenn die Ausstellung die Geschichte einer indischen Familie über drei Generationen erzählt, geht es dabei nicht nur um die Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk von Amrita Sher-Gil, sondern darüber hinaus auch um die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung von Modernität und Modernismus in Europa und Indien bzw. um das Konzept multipler Modernen.

Der Entschluss der Familie Sher-Gil, einen Großteil des Nachlasses von Amrita dem indischen Staat zu überlassen, bildete 1954 die Basis für die Gründung der National Gallery of Modern Art in Neu Delhi. In Europa ist Amrita Sher-Gil noch beinahe unbekannt. Ihr Werk wurde bislang in drei Ausstellungen vorgestellt: 1982 hat Howard Hodgkin in der Tate Britain, London "Six indian painters" gezeigt, gefolgt von "Indian Artists in France" (Centre National des Art Plastiques, Paris 1985) und "Amrita Sher-Gil the Indian painter and her French and Hungarian connections" im Ernst Museum (Budapest 2001).

Ein Begleitbuch erscheint bei Schirmer/Mosel, mit einem Essay von Deepak Ananth. Die Biografie von Yashodara Dalmia wurde dieses Jahr bei Penguin India veröffentlicht, und Vivan Sundaram gibt bei Tulika Press, Neu Delhi "The Letters and Writings by Amrita" heraus.

In Kooperation mit National Gallery of Modern Art, Neu Delhi, Ministry of Culture, Government of India, Neu Delhi, und dem Goethe-Institut, Neu Delhi.


 


Vivan Sundaram, Retake of Amrita, 2001/2002, Portrait
© Vivan Sundaram



Vivan Sundaram, Retake of Amrita, 2001/2002, Umrao Sher-Gil - Boris
© Vivan Sundaram



Vivan Sundaram, Retake of Amrita, 2001/2002, Brides
© Vivan Sundaram
 

Sher-Gil, Amrita. Eine indische Künstlerfamilie im XX. Jahrhundert. Katalog Haus der Kunst MünchenSher-Gil, Amrita. Eine indische Künstlerfamilie im XX. Jahrhundert. Katalog Haus der Kunst München

Amrita Sher-Gil
Schirmer/Mosel 2006-10 Gebundene Ausgabe 160 Seiten




Kurzbeschreibung
Sie war schön und charismatisch, und in ihrer Kunst, die zwischen europäischer Avantgarde und indischer Tradition oszilliert, eine sehr eigenwillige Vertreterin der klassischen Moderne. Amrita Sher-Gil (1913-1941) war die Tochter kosmopolitischer und kunstsinniger Eltern: Ihr Vater, der Photograph Umrao Singh, stammte aus einer Aristokraten-Familie im Punjab, ihre Mutter Marie Antoinette Gottesmann war Ungarin mit großbürgerlichem Hintergrund. Die ersten neun Jahre ihres Lebens verbrachte Amrita in Budapest, die folgenden acht Jahre auf den Besitzungen der väterlichen Familie in Nordindien. Mit 16 durfte sie nach Paris, um an der École des Beaux Arts zu studieren. Sie lernte die Pariser Bohème und die Alten Meister kennen und schuf eine Reihe erstaunlich vielschichtiger früher Meisterwerke, die sehr freizügig und in teils unkonventionellen Collagetechniken das Thema der eigenen sexuellen Identität umkreisen. Als sie 1934 nach Indien zurückkehrte, fand die klassische und mittelalterliche indische Kunst Eingang in ihre Malerei und bewirkte eine radikale Neuorientierung. Amrita Sher-Gil, in vielem Frida Kahlo vergleichbar, starb mit 28 Jahren und wurde in Indien schon bald zur Legende. Als Weltpremiere stellt das Münchner Haus der Kunst Leben und Werk Amrita Sher-Gils in den Mittelpunkt einer Ausstellung (3. Oktober 2006 - 7. Januar 2007), die ergänzend auch Photographien ihres Vaters und ihres Neffen, des Videokünstlers Vivan Sundaram mit einschließt.

Der Verlag über das Buch
Themenschwerpunkte: Kunst, Photographie


 


Amrita Sher-Gil, Brides Toilet, 1937


 


Amrita Sher-Gil, Elephants 1940



1940
Amrita Sher-Gil, Sleep 1933

 


1933
Amrita Sher-Gil, Hill Scene,
1938



Amrita Sher-Gil, Last Unfinished Painting,
1941






Vivan Sundaram, Retake of Amrita, 2001/2002, Amrita Dreaming 2
© Vivan Sundaram