8. September 2011

Gespräch mit Günther Uecker

„TÄGLICHES RINGEN MIT DEM LEVIATHAN“
 

Günther Uecker im Gespräch mit Manfred Engeser über die religiösen Bezüge seines Werkes, sein Verständnis von Glauben und sein Verhältnis zu Gott


Manfred Engeser
Herr Uecker, in Ihrer aktuellen Ausstellung sind unter anderem vier Skulpturen zu sehen, die die Weltreligionen Buddhismus, Islam, Judentum und Christentum zum Thema machen. Warum ist es Ihnen wichtig, diese vier Arbeiten gemeinsam auszustellen?

Günther Uecker
Es geht mir dabei um die Gegenüberstellung verschiedener Aussagen dieser Religionen, die ja Gesetzescharakter haben. Die heiligen Schriften dieser Religionen – der Koran für die Moslems, die Bibel für die Christen, die Thora für die Juden, der Pali-Kanon der Buddhisten – haben Grundregeln geschaffen, die gesellschaftliches Zusammenleben unter friedvollen Umständen ermöglichen. Diese Wechselwirkungen und die Möglichkeit, unsere eigenen Vorstellungen mit denen anderer Religionen zu vergleichen, haben in Europa zu einem großen Dialog beigetragen, haben unsere Kultur bestimmt und uns Einsichten gewinnen lassen in die Welt. Dass wir uns nicht nur rückbinden – was Religion ja im Wortsinn bedeutet – sondern auch rückbesinnen auf kausale Zusammenhänge, die unsere Lebensgemeinschaft bestimmt haben – darum geht es mir.

Gab es einen Auslöser?

Ich habe vor vielen Jahren damit begonnen, alttestamentarische Aussagen aus der jüdisch-christlichen Kultur mit Aussagen aus dem Neuen Testament zu vergleichen. Nach den Anschlägen vom 11. September in New York, die mich sehr erschüttert haben, habe ich in einer neuen Arbeit die Friedensgebote des Islam denen des Christen- und Judentums gegenübergestellt. Auch weil die Kenntnis über diese Aussagen vor dem Hintergrund der damals aktuellen Ereignisse und einer generell zunehmenden machtpolitischen Instrumentalisierung dieser Religionen verloren zu gehen drohen.

Wo sehen Sie das Verbindende zwischen diesen vier Religionen?

Einerseits haben die Liturgien, also die Glaubenspraktiken, dieser vier Religionen sehr unterschiedlichen Charakter. Andererseits verbindet die Anhänger dieser vier verschiedenen Glaubensrichtungen eines ganz besonders: der Versuch jedes Einzelnen, für sich Gottesnähe herzustellen. Ein Versuch, der vor dem Hintergrund dieser in den heiligen Schriften niedergelegten Regeln für eine „vita humana“ jenseits bloßer Religionsbefangenheit zum lebensnotwendigen Akt wird, weil Erkennen und Handeln eins werden.

Die Ausstellung ist unter anderem in der säkulärisierten, jetzt als Kunsthalle genutzten Dominikanerkirche in Osnabrück sowie in der im Krieg stark zerstörten und gerade aufwändig wiederaufgebauten Georgenkirche in Wismar zu sehen. Wäre, um diese Erkenntnis deutlich zu machen, ein klassisches Museum als konfessionsneutraler Ausstellungsort nicht besser gewesen?

Nicht nur Museumsbauten sind Orte der Kunst, ich finde diese religiösen Bauten einfach wunderbar. Diese Gotteshäuser – ob christliche Kirche, Synagoge, Moschee oder Tempel – sind Stein gewordenes Halleluja, das wir aus dem Unsichtbaren formulieren. Himmlische Ortschaften, in denen Gebet und Liturgie ihren Platz haben und eine Vertiefung in die Glaubensdimension außerhalb jeder Rationalität, außerhalb des Erkennbaren und damit die Vergegenwärtigung göttlicher Existenz unmittelbar möglich machen. Wie eine Schatulle, die ein Geheimnis birgt, welches sie nun dem Betrachter im Innern offenbart. Und deswegen auch einen wunderbaren Rahmen für meine Arbeiten bietet, die ja auch einen geistigen Anspruch figurieren.

Für die Sie – wie auch in der Ausstellung nachzuvollziehen ist – oft ganz ursprüngliche Materialien wie Sand, Erde, Asche, Gras, Holz verwenden. Sind das Hinweise auf Vergänglichkeit, Ewigkeit, Gott?

So wie man als Kind mit Tinte kleckert, sind diese Materialien für mich Direktheit des bildnerischen Ausdrucks und Wesen meines Werks. Ich befreie die Energien, die der Materie in ihrer Wahrhaftigkeit innewohnen. Deshalb bedeutet Material für mich unmittelbarer bildnerischer Ausdruck. So werden Hölzer, Binden, Zusammengenageltes, Gebrochenes Ausdruck der immer gleichen Empfindung: der Verletzung des Menschen durch den Menschen. Eine Fraktur als Schrift des Mitgefühls, Gerätschaften als Verkörperlichung von Gefühl und Mitgefühl, die Verletzungen als Chiffre für menschliche Verbindungen zeigen. Eine unalphabetische Ausdrucksweise, die als Scheitern empfunden werden kann. Auch als Scheitern menschlichen Zusammenseins. Selbst wenn keine gemeinsame alphabetische Ausdrucksweise vorliegt, kann man dieses Gefühl der Verletzung des Menschen verstehen und Einsichten gewinnen in andere kulturelle Entwicklungen.

Aus diesem unerschöpflichen Generalthema Ihrer Arbeit – die Verletzung des Menschen durch den Menschen – könnten sich für Sie selbst zwei Konsequenzen ergeben: eine tiefe Verwurzelung im Glauben. Oder eine völlige Abwendung von Gott – bedingt durch eine tiefe Enttäuschung über den von Ihnen empfundenen Zustand der Welt.

Vergleichbar mit dem hadernden, sich windenden Hiob ...

... mit dessen Geschichte Sie sich vor kurzem in einem prächtigen Künstlerbuch auseinandergesetzt haben, das Sie gemeinsam mit dem Atelier Har-El in Israel produziert haben ...

... durchlebe ich ein immerwährendes Ringen mit dem Leviathan – die Wahrnehmung der Gewissheit eines menschlichen Gottes, die zwischen Zuspruch und Widerspruch, im Einvernehmen und in der Ablehnung der Schöpfung verhandelt wird. Ein Versuch, Gottesnähe für sich herzustellen, jeden Tag aufs Neue.

Das Leben als immerwährendes Ringen, auch um die Kunst?

Kunst und Leben, um das noch mal ganz deutlich zu machen, kann ich nicht voneinander trennen. Das wäre völliger Quatsch. Kunst ist eine innere Erfahrung aus dem Leben. Ich fühle mich wie ein Medium, das betrifft mich sehr – ein Gefühl wie kurz vor der Stigmatisierung. Durch eigene Offenheit kommen Vorgänge ans Licht, die mich zutiefst berühren, die hervorbrechen und mit denen man in einen Dialog gerät. Eine manische Energie, die aus dem Unterbewusstsein hervordrängt, führt zum Eikon, zum Bild. Eine Beschwörung und Bannung dieser dunklen Energien, die ans Licht drängen. Eine Entdeckungsreise, die man da macht, sich befreiend von dem Bedrängenden und Bedrohenden, das gleichzeitig etwas Beflügelndes, Jubelndes hat, verwundert und erschüttert zu sein, dem Unaussprechbaren Gestalt zu geben. Aber auch aufsässig zu werden, das Ganze zu reiten.

Kunst als Ergebnis eines Dialogs, als Teil der Schöpfung Gottes?

Kunst ist Huldigung an die Schöpfung. Allerdings nicht durch einen Akt des Willens. Willentlich ein gutes Bild zu schaffen ist eine Unmöglichkeit. Da ist man hineingeraten durch innere Offenheit, die zu Prozessen führt, die einen erschrecken. Durch einen Impuls, der in einen hineinfährt und den man akzeptieren, ja aushalten muss. So wird man Teil der Schöpfung, des sich Ereignenden. Man dringt tief ein in eine Wahrnehmung von Wirklichkeit, ist gewissermaßen privilegiert, Augenblicke zu erleben, die auch ungestaltbar sind. Und letztlich ist es auch dieses Nicht-Benennbare, das beide Sphären vereint. Du sollst Dir kein Bild machen von Jahwe, heißt es erst in der jüdischen und christlichen Tradition, die später auch im Koran ihren Niederschlag findet. Das Reich Gottes käme also eigentlich ohne Tempel aus.

Und wahre Kunst ohne Bilder?

Erst mal ja. Denn durch jegliche Form des Benennens wird etwas figuriert, versteinert und bleibt in der Zeit stecken. Wahrer Ausdruck von Religiosität schafft kein Abbild im Sinne des Künstlichen, sondern das, was man erfährt in der eigenen Verkörperung. Menschliches Handeln ist das erste Abbild, das sich aus der Schöpfung figuriert und das eigentlich Unbeschreibbare, das sich auf das Unabbildbare überträgt, auf die Proportionen menschlichen Fassungsvermögens. Und die Kunst, ob in Form eines gemalten Bildes, einer Schrift oder einer musikalischen Komposition, versucht dann in einem weiteren Schritt, etwas abzubilden und in Ausstellungen vor Augen und Ohren zu führen: dass eine geistige Existenz im Menschen wirksam ist, die durch die Wahrnehmung grenzenlos scheint.

Ist Gott grenzenlos schön?

Augustinus hat gesagt: Schönheit ist der Glanz der Wahrheit. Aber wie trügerisch ist der Glanz! Schönheit, das ist für mich die Geburt eines Kindes. Ihm wohnt göttliche Schönheit inne. Ein Sinnbild der Erneuerungsfähigkeit des Menschen. Das ist erschütternd und beglückend zugleich. Grund genug zu jubeln und Kathedralen zu bauen. Und der Grund, warum wir jedes Jahr Weihnachten feiern.

Sie auch?

Ja. Aber für mich ist Weihnachten weniger ein Fest des Glaubens denn eines, das die Menschen miteinander verbindet. Ein soziales Ereignis, ganz in der Tradition der Propheten, die es verkünden. Ob Sie es nun im Alten Testament nachlesen, in der Bibel oder im Koran.

Besuchen Sie schon mal Gottesdienste?

Schon. Aber meine eigentliche Liturgie ist die Kunst. Ich verhalte mich beim Hervorbringen meiner Werke wie jemand in Klausur. Wie einer, der in seiner Klause werkelt. Ein Versucher, der findend mit plastischen Materialien seinen Gefühlen, seinem Getriebensein Ausdruck verleiht – glücklicherweise eben über diesen Weg des Bildnerischen. Sonst wäre diese manische Bestimmtheit selbstzerstörend – weil sich die Energien, die ich in die Materialien überleiten kann, gegen mich selbst richten würden. So wird die Kunst zur Notwendigkeit, um den nächsten Tag zu überleben.

Welche Rolle hat Glaube in Ihrer Kindheit gespielt?

Keine. Bei uns zu Hause auf Wustrow zählte immer nur die Arbeit. Ich bin zwar protestantisch getauft, aber ich habe in der Schule keinen Religionsunterricht erfahren. Wir haben auch in der Familie nicht gebetet. Und diese wundervollen, riesigen Backsteinkirchen im Mecklenburgischen, in denen ich mich als Kind verwundert aufhielt, haben mich zwar angezogen. Aber vor allem, weil es einfach die schönsten Häuser waren. So wie man ein Schloss bewundert. Als junger Erwachsener prägten mich dann vor allem die ideologischen Konzepte der jungen DDR – die Schulungen im dialektischen Materialismus und Empirio-Kritizismus. Eine anfangs notwendige, aber letztlich diesseitige Revolution. Und eine Gehirnwäsche, die mich schließlich gedrängt hat, eine Gegenwelt aufzusuchen.

Was drängte Sie?

Zum einen das Gefühl, dass ich bei meinen Vorträgen, die ich während meines Studiums in Wismar in der Funktion als Delegierter des Volkes vor der Landbevölkerung hielt, um diese ideologisch zu schulen, irgendwann selbst nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden konnte. Zum anderen Person und Werk des Malers Otto Pankok, der mir in dieser Phase des Taumelns Halt gegeben hat – obwohl ich ihn damals noch gar nicht persönlich kannte. Aber sein Bild von Jesus, der ein Gewehr über dem Knie zerbricht – ein Bild, dessen Botschaft mich faszinierte. Gemalt von einem Mann, von dem ich anfangs nur wusste, dass er von den Nazis mit Malverbot belegt worden war und eine soziale Gesinnung hatte. Und nun, Anfang der Fünfzigerjahre, in Düsseldorf an der Kunstakademie lehrte. Wohin ich mich dann, seinetwegen, von Berlin aus aufmachte. In dieser Zeit habe ich auch begonnen, mich als Autodidakt intensiv mit anderen, lebensbindenden Ausdrucksweisen einzulassen, sie als Erfahrungen in meinen Werdungsprozess aufzunehmen, eine suggestive Kraft findend, außerhalb des Erklärbaren.

Wie lief dieser Werdungsprozess ab? Gab es eine Art Erweckungserlebnis?

Dieser Begriff wäre mir doch zu stark belegt. Am Anfang stand eine große Verwunderung. Wer sich in dieser Offenheit wundert, erfährt auch etwas. Es fährt in einen hinein, führt zu Widersprüchen, denen ich auch nicht ausgewichen bin. Widersprüche, im Menschen vereint, führen zum Brechen der Eindeutigkeit und werden Ausdruck seiner Poesie.

Widersprüche, die Sie auch auf Ihren zahlreichen Reisen erfahren haben, die Sie über alle Kontinente zu den verschiedensten Kulturkreisen unternommen haben, von Moskau bis Tokio, von Jakarta bis New York?

Diese Reisen waren angefüllt von mit Verwunderung und großem Respekt aufgenommenen Ereignissen. Besonders angesprochen hat mich das Kultische, das Mystische, dem ich vor allem in Afrika begegnet bin. Zu beobachten, wie Menschen in anderen Kulturen versuchen, im Kult, in ihrer Glaubensbindung Gottesannäherung zu leben. Dieses augenfällige Aufnehmen, das Nachvollziehen dieser liturgischen Handlungen hat mich geprägt, so wie einen auch das Lesen von Büchern prägt.

Welche Erkenntnis haben Sie aus diesen Erfahrungen gewonnen?

Dass der Mensch ein Freiheitswesen ist und keinem anderen Menschen unterworfen, sondern nur Gott. Dadurch ist man frei.

Warum sind Sie dann nicht Priester geworden?

Weil dieser Begriff noch nie zu meinem Vokabular gehörte. Weil mir Täuschungen zu erkennbar wurden. Dann schon eher Mönch.

Warum?

Wegen der Möglichkeit, sich zu versenken und bestimmte Praktiken auszuüben für Einsicht, Mitgefühl und Erkennbarkeit von Welt in sich selbst. So wie die äußere Welt nur durch einen selbst zu erkennen ist. Sonst wäre man gar nicht geboren.

Zu welcher Religion fühlen Sie sich über die Jahrzehnte besonders hingezogen?

Grundsätzlich fasziniert mich die Vielfalt und der Reichtum der Aussagen und Zeugnisse. So wie ich, wohl wissend, dass viele kluge Menschen an diesen Niederschriften gearbeitet haben, ganz frei in den heiligen Schriften der Religionen lese. So wie ich zum Beispiel auch die Werke von James Joyce lese. Einfach mal hier und mal da lesen. Einfach mal aufschlagen. Und wo das Futter ist, da findet man es – so wie die Tauben es auch tun. Ein Bildungsprozess, den ich mir selbst auferlegt habe.

Der gläubige Künstler als Eklektizist des Gleichgültigen?

Eklektizist? Meinetwegen. Und gleichgültig? Sicherlich, aber eben nicht im Sinne der Beliebigkeit, der Austauschbarkeit. Jede Auslegung hat für mich die gleiche Gewichtung, ist damit gleich gültig. Wobei ich, auch ohne ausdrückliche Konfession, wohl grundlegend geprägt bin durch Sprachgewohnheiten und kulturelle Überlieferungen unseres mitteleuropäischen Raums. Dieses Erbe ist Ausgangspunkt meines Denkens, meines Standpunkts. Wie auch das „mich stellen“ meine Aussage ist. Ich weiche also nicht aus. Aber die Vielfalt der Erfahrungen führt zu dem Respekt vor anders Denkenden und anders Handelnden. Dafür danke ich, jeden Tag. Das ist im Übrigen auch das einzige Gebet, das ich sprechen kann. Um nicht von meinem Weg abzuweichen, bis zu meinem Tod.

Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Das nicht. Aber Leben und Tod ist etwas, was mich sehr umtreibt. Diese Spanne zwischen Leben und Tod gibt mir wichtige Impulse. Diese unausweichliche Gewissheit meiner Sterblichkeit – das ist die wahre Quelle meiner Inspiration.

 

Aus:

Uecker, Günther – Handlungen

Ausstellungskatalog anlässlich
der Ausstellung „Handlungen – Werke aus drei Jahrzehnten“

Sprache: deutsch

gebundene Ausgabe:160 Seiten
Erscheinungsdatum: 2010
978-3-939452-11-9